Langzeitfolgen

Die Langzeitfolgen von ADS-(H) und des hyperkinetischen Syndroms
Stand: 02-05-01
von: Bernhard Klasen, Dipl.-Psych., Psychol. Psychotherapeut

Alle Eltern von hyperaktiven Kindern und Jugendlichen fragen sich, wie es mit ihrem Kind wohl in der Zukunft weitergehen wird. Wird es auch in Zukunft ähnliche Probleme haben?

In dieser kurzen Darstellung gebe ich überwiegend einen Artikel von Manuzza & Klein (2000), zwei angesehene US - Forscher wieder, der durch einige deutschsprachige Forscher ergänzt wird.

Die Forschung zu ADS/HKS ist immens, die Ergebnisse sind dennoch nicht immer leicht zu verstehen. Wegen des großen Aufwands sind leider kaum Langzeitstudien zu finden, in Deutschland überhaupt nicht, in den USA gibt es drei wesentliche Studien: Eine interessante Übersicht von Langzeitstudien erstellte Steinhausen (2000), hier gebe ich ein wenig wieder

  • die New York Studie (Weiss & Hechtman)
  • die Montreal - Studie (Manuzza & Klein)
  • die San Francisco Studie (Lambert et al.)

Mit der Übertragung der Ergebnisse auf deutsche Verhältnisse muß man sicher vorsichtig sein, deshalb möchte ich besonders Tendenzen herausarbeiten, die auch in Deutschland zutreffen könnten.

Nach Eisert (in Steinhausen, 1993) kann man mit 18 Jahren etwa 1/3 als hyperaktiv diagnostizieren, nur 20% sind mit 15 Jahren problemfrei. Hyperkinetiker weisen in erheblich höherem Maße schulische Schwierigkeiten und Schulversagen auf. 50-70% haben beim Erreichen des Erwachsenenalters Verhaltensprobleme und Symptome der ADS - (H).
Therapeutisch ist es ein erheblicher Unterschied, ob Hyperaktivität mit einer Störung des Sozialverhaltens einhergeht, oder nicht: Ist kindliche Hyperaktivität mit Aggressivität verknüpft, so sagt dies auch späteres aggressives und sozial auffälliges Verhalten voraus.
Hyperaktiv-aggressive Kinder sind gemeinhin schwerer betroffen: Sie sind in ihrem Sozialverhalten noch gestörter als jene mit Störungen des Sozialverhaltens und sind hyperaktiver als die rein Hyperaktiven.

Vorab: Bei allen Untersuchten wurde zu Beginn im Vorschul- oder Grundschulalter die Diagnose ADS-H gestellt.

nach oben


Junge Erwachsene (durchschnittliches Alter 19 Jahre)

Schulbildung
Die Ergebnisse zeigen klar: Die Bildungsabschlüsse sind niedriger als die gleichaltriger Kontrollpersonen. Die Mißerfolge in der Schule wachsen sich also in der Pubertät nicht aus, die Mißerfolgserlebnisse dauern an.

Soziale Fertigkeiten und Selbstwertgefühl
Das Selbstwertgefühl und die sozialen Fähigkeiten sind relativ gering ausgeprägt. Sie hatten weniger Freunde, soziale Fertigkeiten waren in Fragebögen deutlich geringer, die soziale Anpassung an die Gesellschaft war reduziert. Gerade das geringe Selbstwertgefühl scheint sich wie ein roter Faden durch die Lebensgeschichten zu ziehen.

Mentaler Status
Überblick: Nur die New York Studie berichtete klinische Diagnosen (nach DSM III R).
Etwa die Hälfte der mit ADSH Diagnostizierten hatten mit 18 Jahren eine psychische Störung:

Angaben in %
Bereits als Kind
ADS-(H)
Vergleichs-
gruppe
ADS-(H)
40
3
Antisoziale Persönlichkeit/
Antisoziale Verhaltensstörungen
27
8
Substanzmißbrauch
16
3

Die Daten zum Substanzmissbrauch sind nicht eindeutig. Deutlich wird mindestens ein leichtes Risiko für ADS-H-Personen, mit Alkohol oder Drogen in Kontakt zu kommen. Manche Studien zeigen diesen Zusammenhang nur mit Drogen (ohne Alkohol).

Komorbidität:
Mit ADS-(H) treten oft die antisoziale Persönlichkeit oder antisoziales Verhalten und Substanzmißbrauch auf und zwar derart:
Wenn es jemanden erwischt, dann gleich doppelt. Die Wahrscheinlichkeit für die antisoziale Persönlichkeit oder Substanzmißbrauch ist erhöht, wenn das ADS-(H) auch in das junge Erwachsenenalter hinein fortbesteht.

Kriminalität:
Kriminalität ist zwar keine psychische Störung; es finden sich aber enge Zusammenhänge mit antisoziale Persönlichkeit und Substanzmißbrauch.

Alle Angaben in Prozent
ADS - (H)
Kontrollgruppe
Verhaftungen
36 - 58
39 *
2 - 11
20 *
Mehrmalige Verhaftungen
35 - 45
0 - 6
Gefängnisaufenthalte
25
9 *
1
1 *

Die Zahlen ohne * geben eine Studie von Satterfield wider; die Zahlen mit * die Ergebnisse der NEW York Studie

ADS - (H) - Symptomatik

Die Montreal Studie fand, dass sich 19jährige unruhiger fühlten. Die Ergebnisse legen nahe, daß sie impulsiver als die Kontrollpersonen waren: Sie hatten mehr Autounfälle, zogen öfter um, hatten eher eine impulsive Persönlichkeit, bei kognitiven Tests waren sie impulsiver. Zur Unaufmerksamkeit gab es keine Daten.

Die New York Studie fand ähnliche Ergebnisse: Hyperaktivität und Unruhe, Impulsivität und Unaufmerksamkeit waren alle in deutlich höherem Ausmaße vertreten, als bei Vergleichsgruppen.

Diese Aussagen machen sehr deutlich, daß ADS-(H) nicht nur ein Problem bei Kindern ist, sondern wichtigen Einfluss auf die Adoleszenz hat. Nach Barkley bessern sich zwar bis in die Adoleszenz das Ausmaß der Hyperaktivität, Aufmerksamkeit und die Impulskontrolle; dennoch zeigt sich bei 70-80% eine Symptomatik, die unangemessen für diese Altersgruppe ist.

ADS-H und Autofahren:
Die Impulsivität, die Suche nach dem 'Kick' wird auch in den entsprechenden Statistiken deutlich: Betroffene haben mehr Autounfälle und wurden häufiger körperlich verletzt; sie erhielten häufiger Bussgeldbescheide, üblicherweise wegen Geschwindigkeitsüberschreitungen.
Frau Neuhaus, deren Literatur ich ausdrücklich empfehle, beschreibt es wie folgt: Menschen, mit dieser Art die Welt zu sehen und auf sie zu reagieren, fahren mit 120 km/h auf der Landstrasse, zünden sich mit einer Hand eine Zigarette an und zeigen mit der anderen gerade auf eine Sehenswürdigkeit. Beim Beifahrer wird ein besonderer Optimismus, gesund anzukommen, vermutet; Personen mit ADS-H fahren zwar riskanter, sind aber wegen ihres besonderen Wahrnehmungsstils, nicht häufiger in schwere Autounfälle verwickelt.

Welche Faktoren beeinflussen das Erscheinungsbild in der Adoleszenz?
1. Der sozio-ökonomische Status
2. Der Kontakt mit Gleichaltrigen
3. Das Ausmaß der Aggressivität und weiterer Verhaltensprobleme beeinflusst den Bildungsgrad, die Zahl der sozialen Beziehungen und das Risiko für Substanzmissbrauch.
4. Gibt es in der Familie bereits bei den Eltern ADS-H so erhöht dies die Wahrscheinlichkeit psychiatrischer und emotionaler Probleme.
5. Das Ausmaß der Feindseligkeit in der Beziehung der Eltern zum Kind beeinflusst auch die spätere Beziehung zum Kind, als auch dessen Aggressivität als Adoleszenter.
6. ADS-H beeinflusst das Bildungsniveau.

Ein interessantes statistisches Artefakt ist, dass, je mehr Dienste/Behandlungen verschiedenster Institutionen ein Kind erfährt, desto negativer wird die Prognose.
Ein Schelm ist, wer nun sagt, man könnte doch nun tatsächlich mit allen Therapien aufhören. ;-)

nach oben


Erwachsene (durchschnittliches Alter 25 Jahre)

Da die Ergebnisse zeigten, daß sich Auffälligkeiten bis in die Adoleszenz hin zeigten, wird man neugierig, wie sich ADS-(H)-Personen als Erwachsene verhalten. Nur die New York Studie und die Montreal Studie dehnten die Forschungen in diesen Altersbereich hin aus. Beide erhoben den Bildungsgrad, den Beruf und die psychische Befindlichkeit. Nur in der Montreal Studie wurden soziale Fertigkeiten und das Selbstwertgefühl erhoben. Wenn es nützlich erschien, wird auf eine Milwaukee Studie verwiesen. Sie wurde noch nicht veröffentlicht, jedoch bereits auf Konferenzen vorgestellt.

Schulbildung
ADS - (H) - Personen haben im Durchschnitt 2-3 Jahre weniger Schulbildung. Relativ viele brachen die Schule ab (auf genauere Angaben verzichte ich, weil das Schulsystem sich doch sehr von unserem unterscheidet). Dieses Ergebnis war zu erwarten, weil viele Kinder mit ADS-(H) im regulären Schulbetrieb meist nur Widrigkeiten erfahren.

Beruf
Direkt als Folge der geringeren Schulbildung haben Personen mit ADS-(H) Berufe, die eine geringere Zugangsvoraussetzung haben. Hochschulabschlüsse finden sich nur sehr selten. Meist finden sich Arbeiter und Facharbeiter. In der Bewertung durch Arbeitgeber schneiden sie schlechter als Kontrollpersonen ab. Die Arbeitslosenrate unterscheidet sich nicht von der Kontrollgruppe.

Selbstwertgefühl und soziale Fertigkeiten
Diese Probleme reichen bis in das Erwachsenenalter hinein, in beidem ist das Ausmaß reduziert.

Mentaler Status

Antisoziale Persönlichkeit
ADS - (H)
Kontrollgruppe
Montreal Studie 25 Jahre
23
2
Milwaukee Studie 20 Jahre
22
2
New York Studie
12 - 18
2 - 3

Substanzmißbrauch
Hier finden sich keine einheitlichen Ergebnisse. In der New York Studie wird ein erhöhter Substanzmißbrauch berichtet, nicht dagegen in der Montreal Studie, einer Iowa - Studie, der Milwaukee Studie. Dies ist umso mehr erstaunlich, als daß alle Studien eine erhöhte Rate an antisozialer Persönlichkeit berichteten, was meistens mit einem Substanzmißbrauch einhergeht.

nach oben


ADS - (H) bei Erwachsenen

Hier wird der Frage nachgegangen, ob ein ADS-(H) bei Kindern auch bis in das Erwachsenenalter fortbesteht.
Früher dachte man, es "wächst sich aus", ASD sei eine typische Kinderkrankheit.
Die Zahlen der Ergebnisse schwanken zwischen 33-66%. Vermutlich wird also in 50% der Fälle das ADS-H von den Eltern zum Kind weitergegeben. Eine Dunkelziffer bleibt jedoch, wenn man berücksichtigt, dass sich das hyperkinetische Verhalten, nicht jedoch die Aufmerksamkeitsstörung und die Impulsivität mit der Zeit verbessern.
Gerade die Diagnostik der Impulsivität und der Aufmerksamkeitsstörung ist außerordentlich schwierig und kann ein Symptom der verschiedensten psychischen Erkrankungen sein. Es bleiben sicher noch viele Frage offen - ein Zeichen, daß noch erheblicher Forschungsbedarf besteht. Es fehlt insbesondere an Langzeituntersuchungen, auch in Deutschland.

Literatur:

  • Mannuzza & Klein: Long-term prognosis in Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder. In: Child and adolescent Psychiatric clinics of North America. Vol. 9. (3). July 2000
  • Steinhausen, H.C. & von Aster, M.: Handbuch Verhaltensherapie und Verhaltensmedizin bei Kindern und Jugendlichen. Beltz PVU. 1993.
  • Steinhausen, H.C. (Hrsg.): Hyperkinetische Störungen bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Kohlhammer. 2000. 64,55.
    Ein empfehlenswertes, fundiertes Fachbuch für Professionelle.

nach oben